Literally Peace

Geister vor der Kamera

Ich habe die Welt auf unkonventionelle Weise entdeckt. Ich habe keine Landkarten gelesen, sondern seit meiner Kindheit unzählige Filme gesehen. Das Kino hat mich vieles über das Leben gelehrt, über die anderen, über die andere Seite des Globus – und sogar über mich selbst.

Ich liebe das Kino. Ich liebe diesen Raum des Fragens, diesen Raum des Träumens und des Entkommens.

Mit der Zeit begriff ich, dass die Leinwand, die ich liebte, mich längst gesehen hatte, bevor ich mich selbst kannte. Und dass dieselbe Leinwand, die mir Staunen schenkte, zugleich ein Bild von mir erschuf, das ich nie gewählt hatte.

Die Filmszene, die sich am tiefsten in mein Gedächtnis eingeprägt hat, ist immer dieselbe: Die Kamera senkt sich langsam von oben auf einen überfüllten orientalischen Markt. Staub, Lärm, sich bewegende Körper. Im Hintergrund geht eine vollständig verhüllte Frau vorbei – ohne Gesicht, ohne Stimme. Sie ist Teil der Kulisse, keine Figur, keine Geschichte, sondern lediglich ein kleines Detail in jener „orientalischen Szenerie“, die geschaffen wurde, um einem anderen Helden zu dienen – meist einem weißen westlichen Mann, der gekommen ist, um zu entdecken, zu retten oder zu triumphieren.

Wie oft sind wir arabischen Frauen auf diese Weise vor der Kamera vorbeigezogen? Als flüchtige Schatten, die niemand wahrnimmt. Als Geister.

Bevor ich nach Berlin kam, als ich noch in Syrien lebte, beschloss ich, einen Kurzfilm über meinen Körper zu machen. Nicht über sein Aussehen, sondern über sein Gedächtnis, über die Angst, die in ihm wohnt, über den weiblichen Körper, der in einer arabischen Gesellschaft nach Freiheit sucht.

Ich begann, in zahlreichen Filmen nach dem Bild der Frau zu suchen, und sah Werke, die „über uns“ sprachen. Dabei erkannte ich, dass mein Körper dort schon lange existierte – auf einer Leinwand, die mir nicht ähnelte. Eine Leinwand, die mich vieles gelehrt hatte, die meinen Körper jedoch nach ihren eigenen Vorstellungen formte: als einen Körper, der für Deutungen bereitsteht und als Bedrohung gelesen werden kann. Einen Körper, der mir überall vorausgeht, obwohl er nicht ich ist.

In diesem Moment verstand ich, dass es nicht allein um meine Gesellschaft ging. Neben den Stereotypen und Beschränkungen, die arabische Gesellschaften den Körpern von Frauen auferlegen, gibt es auch den Westen, der sich unsere Körper angeeignet und sie mit der Mentalität eines Kolonisators betrachtet hat. Das westliche Kino hat ein ganzes Jahrhundert lang Bilder der arabischen Frau geerbt – Bilder, die mit dem Orientalismus begannen, von Hollywood übernommen wurden und schließlich Teil eines kollektiven Bewusstseins wurden.

Das Kino ist mächtig – nicht nur, weil es Bilder zeigt, sondern weil es sie natürlich, vertraut und akzeptabel erscheinen lässt. Es pflanzt sie in die Vorstellungskraft ein und überlässt sie dann ihrem stillen Wachstum.

In vielen Filmen ist die arabische Frau abwesend, als hätte sie keine eigene Existenz. Und wenn sie erscheint, dann nur als Körper: um zu tanzen, als Dienerin zu dienen, in einem Haremspalast eingesperrt zu sein oder als Opfer auf Rettung zu warten. In all diesen Fällen ist ihre Stimme entbehrlich.

Selbst das Kopftuch war in der westlichen Imagination kein Kleidungsstück, sondern ein Symbol, ein Rätsel, etwas, das enthüllt werden musste. Und hinter jeder Enthüllung stand die Stimme des weißen Mannes:

Wir verstehen dich.

Wir befreien dich.

Und wir haben das Recht, deine Identität zu definieren.

Der Westen hat durch das Kino nicht nur Länder kolonisiert. Er hat auch den Körper kolonisiert, die Vorstellungskraft kolonisiert und entschieden, wie die Welt uns sehen soll, noch bevor wir die Möglichkeit hatten, selbst über uns zu sprechen.

Arabische Frauen im westlichen Kino sind entweder übermäßig verführerisch oder unsichtbar. Entweder Opfer, die gerettet werden müssen, oder potenzielle Gefahren, die die Sicherheit von Staaten bedrohen. In dem Raum zwischen diesen Polen wurde der arabische weibliche Körper seiner Identität, seiner Besonderheit und seiner individuellen Erfahrung beraubt. Wir wurden zu Typen, zu wiederholten Kopien, deren bloße Präsenz koloniale Erzählungen über unsere Körper bestätigt.

Sogar in Komödien und in Disney-Filmen erfüllte der arabische Körper stets eine Funktion: Er schmückte die Szene, verführte oder machte Angst. Selten durfte er einfach ein menschlicher Körper mit einer eigenen Geschichte sein.

Nachdem ich nach Berlin gezogen war, wurde alles noch komplizierter. Manchmal hatte ich das Gefühl, übermäßig sichtbar zu sein, manchmal überhaupt nicht. Blicke, die meine Freiheit feiern, als wäre sie ihre eigene Errungenschaft. Und Blicke, die davon ausgehen, dass ich aus einer Dunkelheit komme, aus der ich gerettet werden muss. All das geschieht meinem Körper, bevor es mir geschieht.

Trotzdem liebe ich das Kino noch immer. Ich liebe es, weil ich weiß, wie mächtig es ist, und weil ich weiß, dass dasselbe Werkzeug, das einst den Kolonialismus stärkte, auch dazu fähig ist, ihn zu demontieren.

Ich möchte einen Film sehen, in dem eine arabische Frau ein ganz gewöhnliches Leben führt: rennt, mit ihren Kindern lacht, malt, eine Liebesgeschichte lebt, ohne dass über ihr ständig eine Bedrohung schwebt.

Ich sehne mich danach, meinen Körper zurückzuerobern – nicht nur in seinem materiellen Sinn, sondern als Rückgewinnung unseres Rechts, die Bilder unserer Körper und ihre Bedeutungen selbst hervorzubringen. Ich möchte ihn all jenen entreißen, die ihn zu einem Symbol gemacht haben: dem Osten, dem Westen, dem Kino, der Gesellschaft, den Regierungen und den Mythen.

Ich möchte, dass er ein gewöhnlicher, menschlicher Körper ist, der mir ähnelt, mit seinem Gedächtnis, seiner Angst und seinem Begehren. Kein Anhängsel fremder Erzählungen. Keine kulturelle Ware, keine Sicherheitsbedrohung, keine Metapher für Rückständigkeit oder Befreiung. Kein Spiegel, in dem der Westen sich selbst betrachtet, sondern der Körper einer einzigen Frau, die nicht austauschbar ist.

Eine Frau, die weiß, dass ihre Erfahrung keine Nebenszene ist und keine Ergänzung zu einem vorgefertigten Bild. Die weiß, dass ihre Gestalt, ihre Stimme und ihr Weg das Recht haben zu existieren – auch außerhalb der Kamera.

Manchmal frage ich mich:

Weiß der Westen überhaupt, dass wir außerhalb dieser Schablonen existieren?

Dass wir leben, lieben, schreiben, denken, wütend werden, zerbrechen und wieder aufstehen?

Wie kann mein Körper eine eigene Identität besitzen in einer Welt, die darauf beharrt, ihn auf eine „Ikone“ zu reduzieren?

Fayhaa Jbara