Vor dem Aufzug zog sie einen kleinen Zettel aus der Tasche ihrer schwarzen Bluse und fragte mich zögernd:
Ist das die richtige Adresse?
Sie war eine Frau um die sechzig und sprach mit einer Sicherheit, in die sich etwas Unsicherheit mischte. Als ich ihr Gesicht genauer betrachtete, blieb mein Blick an einem großen Muttermal auf ihrer rechten Wange hängen. Etwas daran weckte meine Neugier und zog meinen Blick immer wieder zu sich. Etwas Seltsames, das ich nicht ignorieren konnte.
Mein Gefühl sagte mir, dass sie vielleicht arabischer Herkunft war, und genau das ließ mich mit meiner Antwort zögern. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke, und es war, als wären all die Worte, die ich gerade noch hatte sagen wollen, all die Worte, die schon dabei waren, meiner Zunge zu entkommen, plötzlich stehen geblieben.
Aber ich antwortete ihr. Ich war ebenfalls auf dem Weg zu derselben Adresse und sagte ihr, dass sie im vierten Stock sei.
Sie drehte sich schnell zu mir um, mit einem Ausdruck von Überraschung und Verwunderung im Gesicht.
Mein Gott, wie alt bist du?“, fragte sie, wartete meine Antwort jedoch nicht ab. Sofort fuhr sie fort:
Ich bin zum zweiten Mal hier. Ich habe noch keine Diagnose bekommen, aber ich bin nicht optimistisch. Ich habe nicht das Gefühl, dass mit meinem Körper alles in Ordnung ist.
Dann, als wollte sie aus diesem Gespräch in ein anderes flüchten, sagte sie:
Meine Tochter ist schwanger. Ich werde zum ersten Mal Großmutter, weißt du? Und mein Mann und mein Sohn sie haben beide große Angst.
Sie redete ohne Unterbrechung weiter, und ihre Stimme fiel wie Wellen in den Raum und zog mich mit sich. Doch obwohl ich ihr zuhörte, konnte ich mich nicht mehr richtig auf das konzentrieren, was sie sagte. Das große Muttermal auf ihrer Wange beschäftigte meine Gedanken. Ich beobachtete es mit einer seltsamen Faszination: wie es sich bewegte, wie es sich mit jedem Wort, das ihren Mund verließ, entfernte und wieder näher kam. Ich hatte plötzlich das starke Bedürfnis, es zu berühren oder vielleicht sogar danach zu greifen.
Doch ich verwarf den Gedanken schnell wieder. Wäre das nicht seltsam? Oder lächerlich? Vielleicht würde sie mir ins Gesicht schlagen, wenn ich es versuchte. Denn selbst wenn ich eine Erklärung dafür hätte – was bedeutet es überhaupt, etwas im Gesicht eines anderen Menschen berühren zu wollen? Vor allem, wenn dieses Etwas nur ein Muttermal ist, das aussieht wie eine Brustwarze, mit derselben Form, derselben Wölbung, die sich nicht übersehen lässt.
Bei diesem Gedanken musste ich innerlich lächeln.
Dann sagte sie, während sie einfach weiterredete:
Sie haben schon einen Namen für meine Enkelin ausgesucht Leila. Ein schöner Name, findest du nicht?
Ich denke: Verdammt diese Frau hört einfach nicht auf zu reden!
Dann kam mir dieser seltsame Gedanke: Was wäre, wenn sie wüsste, dass ich Arabisch spreche?
Aber ich wusste, dass das heute nicht passieren würde.
Der Aufzug war eng, und je mehr ich versuchte, Abstand zu ihr zu halten, desto näher schien sie mir zu kommen. Ich spürte, wie der Raum um mich herum immer enger wurde, bis ich kaum noch atmen konnte. Ich war erschöpft, und an einem Morgen wie diesem war das Letzte, was ich wollte, endlosem Gerede zuzuhören. Doch sie sprach weiter, als würde sie gar nicht wirklich mit mir reden, sondern einfach irgendetwas sagen.
Sie sah mir direkt in die Augen. Ihr Gesicht kam immer näher, und sie redete ohne Unterbrechung weiter. Etwas an diesem Moment erzeugte einen seltsamen Druck in mir, als wollte ich sie umarmen, nur damit sie still wäre, damit sie endlich aufhörte zu reden.
Ich glaube, es war die Angst, die sie dazu brachte, so viel zu reden; die Angst vor der Leere, vor dem Vergessen, vor der Krankheit.
In diesem Moment kam es mir vor, als würde Angst uns manchmal dazu bringen, mehr zu sagen, als wir sollten. Sie erzählte Dinge, von denen sie wusste, dass es nichts ändern würde, darüber zu sprechen. Und trotzdem musste sie sie laut aussprechen.
Dann, plötzlich und unerwartet, rettete mich die Tür des Aufzugs.
Vierter Stock.
Sie stieg hastig aus, ohne ein einziges Wort zu sagen, als hätte sie die ganze Zeit mit dem Spiegel gesprochen.
Ich sah ihr nach. Ihre Schritte waren schnell, als versuchte sie, vor etwas davonzulaufen.
Plötzlich drehte sie sich zu mir um, als wäre ihr etwas eingefallen, und sagte auf Arabisch:
„Ich heiße Leila. Ich hoffe, dass alles gut wird.“
Ich konnte nicht antworten und lächelte nur verlegen. Dann verschwand sie in einem der Zimmer.
Verdammt, schon wieder meine Gene.
Ich war wieder allein.
Ich dachte an ihren Hunger nach Worten, der größer gewesen war, als dieser Aufzug Platz dafür hatte. Ich dagegen war vollkommen still geblieben. Ich hatte immer geglaubt, dass Angst bei mir genau das Gegenteil bewirkt: Sie lässt mich in meinem Schweigen verschwinden, bis es beinahe so ist, als würde die Sprache selbst sich aus mir zurückziehen.
Ich war heute nicht freundlich gewesen, und ich hatte auch nicht das Gefühl, freundlich sein zu müssen.
Ich hatte letzte Nacht nicht schlafen können.
Mein Termin war um neun Uhr morgens, aber ich lief schon seit fünf Uhr durch die Straßen der Stadt. Die Stadt war vollkommen leer, als wäre sie ein schlafender Körper oder ein Geheimnis, das sich nur in den Stunden der Morgendämmerung erzählen lässt.
Für einen Moment dachte ich an Sicherheit und daran, wie wichtig sie ist. Ich dachte daran, dass ich in den fünfundzwanzig Jahren, die ich in Syrien gelebt hatte, kein einziges Mal allein im Morgengrauen durch die Straßen gegangen war.
Und wie traurig mir das jetzt erschien.
Denn Städte sprechen nur mit dir, wenn du ihnen zuhörst. Und um ihnen wirklich zuzuhören, muss die ganze Stadt schlafen.
Meine Erinnerung führt mich zurück in die Straßen von Latakia, in die Stadt, in der ich studiert hatte. Zu den Gehwegen, die ich gut kannte, und zu dem langen Weg, den ich nachts nach Hause zurücklegte. Damals gab es ein Gefühl von Sicherheit, schlicht und unausgesprochen, eines, das keiner Erklärung bedurfte. Sicherheit war keine Idee. Sie war ein natürlicher Zustand, wie das Licht der Straßenlaternen oder das entfernte Rauschen des Meeres.
Dann veränderte sich alles.
Es geschah nicht plötzlich, sondern sehr langsam, so wie Dinge von innen heraus zerfallen, ohne dass wir es bemerken.
Nach dem Krieg waren die Straßen nicht mehr dieselben, und auch ich war nicht mehr derselbe Mensch. Über die Jahre hatte das Regime uns beigebracht, dass es ein Fehler war, anderen zu vertrauen, und dass Vorsicht eine Tugend sei. Es pflanzte das Misstrauen in uns ein, bis es Teil unseres Blicks auf andere Menschen geworden war. Denn Spione und Informanten konnten näher sein, als wir glaubten: ein Nachbar, ein Freund oder sogar ein Fremder, der einen ein wenig länger ansah, als er sollte.
In den Kriegsjahren nahm dieses Gefühl auf erschreckende Weise zu. Schweigen wurde zu einem Mittel des Überlebens. Zu wissen, dass die Forderungen des Volkes ein legitimes Recht waren, und sich trotzdem für das Schweigen zu entscheiden – nicht, weil man nicht daran glaubte, sondern weil die Angst nicht nur einen selbst betraf. Sie reichte bis zur Familie, bis zu den Namen, bis zu den Gesichtern der Menschen, die an deiner Stelle den Preis bezahlen könnten.
Wie fühlt es sich an, wenn man gezwungen ist, seine eigene Stimme zu begraben? Wenn Sicherheit zu etwas Bedingtem wird, zerbrechlich und vorübergehend, und die Stadt sich von einem Ort des Lebens in einen Schlachthof verwandelt?
Und trotzdem kehrt diese Angst von Zeit zu Zeit zu mir zurück. Beim Gehen drehe ich mich nach hinten um; eine alte Gewohnheit, beinahe unwillkürlich.
Heute, während ich durch die Stadt lief, war das Einzige, worin ich mich nicht sicher fühlte, mein eigener Körper.
Die Stimme der Krankenschwester im Wartezimmer holt mich zurück in die Wirklichkeit.
Sie versucht mühsam, meinen Namen auszusprechen, und dabei entsteht ein neuer Name.
Sie hebt den Blick vom Blatt und sucht in den Gesichtern um sie herum.
Ich weiß, dass sie mich meint.
Ich denke daran, sie zu korrigieren, wie ich es immer tue.
Aber ich tue es nicht.
Ich stehe einfach auf.
Die Krankenschwester sieht mich an.
Ich nicke.
Sie lächelt, entschuldigt sich für die Wartezeit und bedeutet mir dann, ihr zu folgen.
Sandy Eichoue
