Literally Peace

Identität Oder Vorwurf?

Ich bin vor einem Jahr nach Deutschland gekommen, und in meinem Kopf kreiste nur eine Frage: Werde ich hier meine Freiheit finden? 

Eine Frau mit arabischen Zügen, deren Gesicht ihre Herkunft unverkennbar zeigt und zugleich von Angst und zerrissener Erinnerung erzählt.
Ich wollte diese andere Welt entdecken,
Die Welt, die ich mir so lange vorgestellt hatte: das weiße, stille Europa, wie eine Wolke, die die Sonne noch nicht verbrannt hat, während ich aus einem Land floh, das lichterloh brennt. 

Alle sind frei im sogenannten Ersten Welt Ist es nicht das, was man uns sagte?
Und doch weiß ich bis heute nicht genau, was diese Freiheit bedeutet.
Ist sie jene Freiheit, von der die westlichen Mandatsmächte sprachen, als ihre Armeen einst in unsere Länder marschierten?
Oder ist es die Freiheit, von der die Handbücher und Konferenzen der Menschenrechtsorganisationen erzählen, die uns noch immer als „Menschen aus dem globalen Süden“ behandeln? 

Alles hier scheint in fertige Formen gegossen,
sorgfältig entworfen, bereit, uns darin schmelzen zu lassen.
Und ich muss als Geflüchtete auswählen, welche Version von mir in diese Formen passt:
die unterdrückte Araberin,
die gewaltvolle Araberin, 
oder die aus der Wüste, die erst „zivilisiert“ werden muss, um die Moderne zu begreifen. 

Eine Frau, Araberin, Syrerin, Geflüchtete, zu sein bedeutet,
jeden Tag vier verschlossene Türen mit sich zu tragen
und sich zu fragen: Ist das eine Identität?
Oder ein Vorwurf?

Ich bin keine dieser Schubladen vollständig;
kein Aktenzeichen in einem staatlichen Bericht,
kein überschüssiger Wert in der Migrationsstatistik,
keine Figur, die in Wahlkampfreden auftaucht, um die Beliebtheit eines Parteiprogramms zu steigern. 

Wie soll ich Freiheit lernen von Politikerinnen und Politikern, die Pläne schreiben, in denen ich nicht vorkomme? 

Wie soll ich an Gleichheit glauben,
wenn ich täglich erklären muss, wer ich bin,
wenn ich vorsichtig handeln muss, um nicht „zu orientalisch“ zu wirken,
wenn ich über rassistische Witze lachen soll,
damit man mich nicht für überempfindlich hält oder für eine „nervöse Araberin“? 

Wann wird der weiße Bürger begreifen, dass ich kein Asylfall in Menschengestalt bin,
keine Waffen unter meinen Kleidern trage,
keine Kriege in meinem Koffer verstecke
und kein Projekt für eine künftige „Erfolgsgeschichte“ bin 

Ich kann Goethe lesen und Nietzsche verstehen,
ins Kino gehen,
meine Steuern zahlen
Ohne an Dutzenden von Workshops teilzunehmen,
die mir erklären wollen, „wie sich arabische Frauen in dieser weißen Welt integrieren“. 

Fayhaa Jbara

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